Der durch Hygienemängel hervorgerufene Tod von Frühgeborenen auf der Frühgeborenen-Intensivstation am Klinikum Bremen-Mitte hat nun personelle Konsequenzen: Dem für die Station verantwortlichen Chefarzt wurde die fristlose Kündigung ausgesprochen.
Kündigungsgrund sind nach Aussage des Klinikbetreibers Fehleinschätzungen bei der Beurteilung des Gefährdungspotenzials des Keimausbruchs und das verspätete Ergreifen von Maßnahmen zur Verhinderung einer Ausbreitung. Erschwerend kommt hinzu, dass der Verdacht eines Ausbruchs nicht rechtzeitig gemeldet wurde.
Die Vorwürfe sind schwerwiegend und mögen auch zutreffend sein. Die schnelle Kündigung des Chefarztes ist sicherlich öffentlichkeitswirksam und soll Handlungsfähigkeit demonstrieren. Trotzdem: Wie häufig in solchen Fällen wirkt sie reflexhaft und lenkt von der grundsätzlichen Problematik der Krankenhausinfektionen – nicht nur in Bremen – ab.
Die hohe Zahl an Todesfällen und Erkrankungen durch Krankenhausinfektionen – die Quellenlage ist unübersichtlich und die Angaben schwanken zwischen 10.000 und 20.000 Toten für Deutschland – ist erschreckend. Irritierend dabei ist die relativ geringe Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ohne zynische Zahlenspiele betreiben zu wollen: Diese Anzahl der Todesopfer ist bis zu sechsmal höher als die Zahl der Verkehrstoten, die im Jahr 2010 zu beklagen waren. Schwere Verkehrsunfälle gelangen regelmäßig in die Nachrichtensendungen und Tageszeitungen, durch Krankenhausinfektionen hervorgerufene Todesfälle nur in Fällen, bei denen eine besondere emotionale Wirkung zu erwarten ist.
Die Sommer verabschiedeten neuen, verschärften gesetzlichen Regelungen zum Schutz von Patienten vor gefährlichen Infektionen im Krankenhaus zeigen die richtige Richtung auf –allein an einer schnellen Umsetzung scheint es noch zu hapern.
Es bleibt zu hoffen, dass die neuen gesetzlichen Regeln schnell greifen und Wirksamkeit zeigen. Um noch einen Vergleich mit Verkehrsunfallstatistiken zu ziehen: Es hat 40 Jahre und enorme Investitionen in die Fahrzeug- und Straßensicherheit erfordert, um die Zahl der Verkehrstoten von 20.000 auf 3.600 zu senken.
Ein vergleichbarer Zeitraum für eine signifikante Verbesserung bei der Krankenhaushygiene wäre verantwortungslos.
Verfasst von ralfschlichting